Anmerkungen zu 90 Jahre Botanischer Garten

Die Eröffnung des Botanischen Gartens vor 90 Jahren kann nicht isoliert gesehen werden, sondern muss in den Kontext der NS-Zeit eingeordnet werden.

1936 wird die Stadtgärtnerei im Wittelsbacher Park an den Siebentischpark verlegt und durch einen attraktiven Schaugarten, dem späteren Botanischen Garten, ergänzt. Eine besondere Attraktion stellen dabei das Viktoria-Regia- und das Palmenhaus dar, die bis heute vor allem im Winter das Interesse der Besucher auf sich ziehen. Beide Gewächshäuser bieten ein Stück Exotik, im Kontext der NS-Ideologie wohl aber auch die Erinnerung an verloren gegangene Kolonien. Die Befriedigung des kolonialen Fernwehs im Botanischen Garten steht dabei in seltsamem Kontrast zum gleichzeitig eingerichteten Tiergarten in unmittelbarer Nachbarschaft, der dezidiert als „deutscher Tiergarten“ konzipiert war, in dem vor allem heimische Tiere unter natürlichen Lebensbedingungen gezeigt werden sollten.

Beide – sowohl Botanischer Garten als auch Tiergarten – sollten eine „neue Stätte der Erholung für die Augsburger Bevölkerung“ darstellen, wie es in der NS-Propagandaschrift „Fünf Jahre Aufbau der Stadt Augsburg“ aus dem Jahr 1938 heißt. Ausgeschlossen waren aber die jüdischen BürgerInnen.

Während im Südosten der Stadt Orte der Erholung und des Freizeitvergnügens angelegt werden, ist im Westen der Stadt ein gigantischer Kasernenkomplex entstanden, der von der Neusäßer Stadtgrenze über Kriegshaber und Pfersee bis zur Leitershofer Stadtgrenze reicht: Hier wurden allein sieben Kasernen errichtet sowie auch das Heeresverpflegungsamt. Diese militärische Aufrüstung weist auf eine eher wenig erholsame Zukunft, ebenso wie das ausgedehnte Werksgelände der Bayerischen Flugzeugwerke im Süden der Stadt, wo unter anderem eines der erfolgreichsten deutschen Jagdflugzeuge produziert wird. Die fertiggestellten Maschinen dürften auch über Tiergarten und Botanischen Garten geflogen sein, durchaus auch zum Stolz der Besucher.

Doch während es in der Stadt und im Reich noch friedlich zugeht, sprechen in Spanien ab Juli 1936 bereits die Waffen: Der Spanische Bürgerkrieg wird zum Vorkrieg zwischen Faschismus und Kommunismus, vor allem aber auch zum Testfeld neuer Waffen und Kriegsstrategien. Eine besondere Rolle spielt dabei auch die „Legion Condor“, eine deutsche Luftwaffeneinheit, der auch die Bf 109, das in Augsburg konstruierte und produzierte Jagdflugzeug, angehört. Bei der Bombardierung von Guernica am 26. April 1937 lösten deutsche Flugzeuge Angst und Panik aus, so etwa in Guernica am 26. April 1937.

Sieht man diesen Zusammenhang, dann ist die Eröffnung von Tiergarten und Botanischem Garten auch ein Ablenkungsmanöver von der allgegenwärtigen Kriegsvorbereitung, die dann drei Jahre später zum Krieg führt, an dessen Ende die weitgehende Zerstörung der Stadt steht und in der Stadtgärtnerei vor allem Nutzpflanzen angebaut wurden.