Zum LISTEN-Projekt

LISTEN sind ein wesentlicher Bestandteil des NS-Unterdrückungs- und Verfolgungssystems: Am Anfang stehen LISTEN mit politischen Gegnern, die inhaftiert und in Konzentrationslagern interniert werden. Es folgen LISTEN mit jüdischen Geschäften, Praxen und Kanzleien, die boykottiert werden sollen. Die Gesundheitsbehörden stellen LISTEN mit „erbkranken“ Menschen zusammen, die zwangssterilisiert und später im Rahmen des Euthanasieprogramms ermordet werden. Die Einwohnerämter stellen LISTEN mit jüdischen Bürgerinnen und Bürgern zusammen, die zunächst in „Judenhäusern“ ghettoisiert werden, bevor sie dann deportiert werden. 

In den Konzentrationslagern wird das Prinzip der LISTEN zur perversen Perfektion getrieben: Die Häftlinge werden in ZugangsLISTEN erfasst und erhalten eine eigene Häftlingsnummer, die ihren Namen ersetzt. Ergänzt werden die LISTEN durch Geburtsdatum, Nationalität, Haftgrund und Beruf.

Ab 1942/43 werden eigene LISTEN mit KZ-Häftlingen erstellt, die (noch) geeignet sind, zwangsweise in der deutschen Rüstungsindustrie zu arbeiten, so etwa bei den Messerschmitt-Werken in Augsburg. So wird im Februar 1943 im KZ Flossenbürg eine HäftlingsLISTE für das KZ-Außenlager in Haunstetten zusammengestellt. Die Häftlinge sollen die Tausende von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern verstärken, die bereits für die Messerschmitt AG arbeiten. 

Ab Mai 1944 gibt es dann ÜberstellungsLISTEN in das KZ-Außenlager Augsburg-Pfersee, das das zerstörte Lager in Haunstetten ersetzen soll. In AbgangsLISTEN wird dokumentiert, wie Kranke und ungeeignete Häftlinge in das Stammlager Dachau rücküberstellt werden. „Abgänge“ erfolgen aber auch durch Tod, ganz selten durch Flucht. 

All diese LISTEN sind in den Arolsen Archives, dem ehemaligen „Internationalen Suchdienst“ in Arolsen, archiviert. Häftlingsdaten lassen sich zudem online über die Memorial Archives abgleichen, die von der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg aufgebaut wurden. Die dort erfassten Häftlingsdaten berücksichtigen aber nicht die Verlegungen innerhalb der einzelnen Lagerkomplexe. 

Um die Augsburger Häftlinge zu erfassen, mussten daher die mit Schreibmaschine meist akkurat getippten ÜberstellungsLISTEN noch einmal abgetippt werden, allerdings auf einer PC-Tastatur und vor allem mit vielen Korrekturmöglichkeiten. 

„Beim Abtippen habe ich mir immer wieder vorgestellt, unter welchen Bedingungen diese LISTEN erstellt wurden. Es waren in der Regel Häftlinge, die diese LISTEN auf mechanischen Schreibmaschinen erstellten, die Häftlingsnamen und -daten wurden wohl von anderen Häftlingen diktiert. Auch ich sprach mir mitunter die Namen und Daten vor. Bei der LISTE vom 28.11.1944 mit jugendlichen Roma aus Ungarn – die jüngsten waren gerade mal 12 Jahre alt – stockte auch mir der Atem, zeigt sie doch die grenzenlose Unmenschlichkeit dieses Systems.“ (Reinhold Forster) 

So entstand die Idee, die ursprüngliche Situation zu rekonstruieren, indem ausgewählte LISTEN laut gelesen und durch Schreibmaschinengeräusche unterbrochen werden. Dabei sollte schon an den Namen deutlich werden, aus welch unterschiedlichen Ländern die Häftlinge kamen und welch unterschiedliche Haftgründe es gab. Und um zu demonstrieren, dass für die SS und für die Messerschmitt AG nur Nummer und berufliche Qualifikation von Bedeutung waren, wurden bei einer LISTE die Namen weggelassen. Menschen wurden zu Nummern.  

Stigmatisierende Bezeichnungen wie „Asozialer“ oder „Zigeuner“ werden in der Installation bewusst laut ausgesprochen. Denn was zu hören ist, sind Zitate aus Nazi-Akten. Indem sich bei jedem Hören des Wortes ein Schock einstellt, wird deutlich: Gerade weil diese Worte unter der NS-Herrschaft als Kategorie einer rassistischen Vernichtungspolitik genutzt wurden, können sie heute nicht mehr verwendet werden. Doch zu verschweigen, dass die stigmatisierende Bezeichnung in den LISTEN der Nazis vorkam, würde die menschenverachtende Sprache der Nazis eher verharmlosen.  

Die LISTE der jüdischen Ungarinnen, die bei den Michel-Werken und bei Keller & Knappich als KZ‑Häftlinge Zwangsarbeit leisten mussten, wurde allein über die Memorial Archives rekonstruiert, indem die Namen der in Augsburg befreiten weiblichen Häftlinge herausgefiltert wurden, die Anfang September 1944 aus Auschwitz nach Augsburg überstellt worden waren. Eventuelle Todesfälle – vor allem auf dem Transport – konnten so nicht erfasst werden. 

Die Klanginstallation LISTEN soll seine akustische Erinnerung an die über 4.500 Häftlinge aus 20 Nationen sein, die die Augsburger KZ-Außenlager durchliefen. Mindestens 400 kamen dabei ums Leben, 150 allein bei den Luftangriffen im Jahr 1944, die anderen vor allem durch die Folgen der katastrophalen hygienischen Situation in den Lagern sowie der Mangelernährung, die hochansteckende Krankheiten wie Typhus und Fleckfieber zur Folge hatten. 

Realisiert wird die Klanginstallation in zwei Fassungen: Eine für das Kulturhaus abraxas, das in unmittelbarer Nähe zu den Michel-Werken (heute: Augsburger Gewerbehof) und dem ehemaligen Keller-&-Knappich-Werk (heute: Wohnanlage und Bürgerbüro Kriegshaber) liegt, und eine für den künftigen Lern- und Erinnerungsort in der Halle 116, in der sich von Mai 1944 bis Ende April 1945 das KZ-Außenlager Pfersee befand. 

Hört zu! LISTEN! 


Idee, Recherchen und Text: Reinhold Forster

Sprecher*innen: Lisa Bühler, Matthias Klösel, Anja Neukamm, Jörg Schur

Sprachaufnahmen: Heiko Schlachter (audiobooking)

Schnitt und Montage: Sascha Stadlmeier

Kuration, Dramaturgie und zusätzliche Audioarbeiten: Gerald Fiebig (loop30)